Was ist Dankbarkeit?

Dankbarkeit verstehen wir als Haltung einer dialogischen Achtsamkeit. Mit dialogisch ist gemeint, dass wir diese Achtsamkeit interaktiv in Beziehung zu unseren Mitmenschen leben. "Herz spricht zu Herz" hat Br. David Steindl-Rast die Dankbarkeit in aller Kürze auf unserem Netzwerktreffen am Holzöstersee Anfang Mai 2013 beschrieben.

Unsere Aufmerksamkeit auf die Haltung der Dankbarkeit zu richten, ist eine Form achtsamer spiritueller Praxis, die den Vorzug hat, dass sie sehr schnell Resultate zeigt. Wenn wir uns am Morgen vornehmen, dankbar zu sein für alles, was uns an diesem Tag begegnet, werden wir am Abend vielleicht bereits spürbar glücklicher sein. 

Dankbarkeit heißt, den gegebenen Augenblick und jede gegebene Gelegenheit, einfach alles, was uns begegnet, als Gabe, als Geschenk wahrzunehmen. Wenn wir alles, was uns begegnet, als Geschenk erkennen und nicht einfach als selbstverständlich hinnehmen, wachen wir auf zu einer neuen Lebendigkeit. Das gibt uns tausend Gelegenheiten, uns zu freuen! Und es schenkt uns auch unzählige Gelegenheiten, den Sinn in Situationen zu entdecken zu lernen, die uns zuerst einmal gar nicht als Geschenke erscheinen.

Nehmen wir an, wir seien uns einig, dass Dankbarkeit jene volle Lebendigkeit sei, nach der wir uns alle sehnen. Dann ist also die vor uns liegende Aufgabe einfach genug: Wir müssen erlernen, dankbar zu leben. Die Schlüsselfrage lautet: Wie fangen wir das an?
In Zeiten, in denen wir körperliche, emotionale und spirituelle Schwierigkeiten durchleben, ist es für uns fast unmöglich, uns dankbar zu fühlen. Dennoch können wir uns dafür entscheiden, dankbar zu leben, uns dem Leben in aller seiner Fülle mutig zu öffnen.

Was bedeutet denn Dankbarkeit? Es ist das Gewahrsein der Einzigartigkeit eines jeden gegebenen Moments. Natürlich ist jeder Augenblick ein gegebener Augenblick - er ist ein Geschenk. Je älter wir werden, desto bewusster werden wir uns darüber, dass jeder Augenblick einzigartig ist. Die Wahrnehmung dessen stärkt unsere Freude am Leben; und mit Freude meinen wir das Glück, das nicht davon abhängt, was gerade passiert. Denn das ist wirklich das, was der menschliche Verstand ersehnt: andauernde Freude.

Dazu kann uns eine einfache Gedächtnisstütze wie "Stop-Look-Go!", also "Halt inne-Schau hin-Handle!" hilfreich sein: Wir müssen innehalten, denn sonst hasten wir direkt in den nächsten Augenblick, ohne den gegebenen Augenblick auch nur wertgeschätzt zu haben. Wir müssen hinschauen, denn wenn wir einfach nur innehalten, und das war’s dann, kommt nicht viel dabei heraus. Das heißt, wir können nach den Gelegenheiten schauen, die uns in diesem Augenblick angeboten werden. Und dann erst können wir handeln. Das wiederum bedeutet, dass wir nun etwas mit dieser Gelegenheit tun können. Und dann wird diese einfache Gedächtnisstütze "Stop-Look-Go!" zu einer wahren spirituellen Praxis, die einfach im Alltag umzusetzen ist.

Die spirituelle Praxis der Dankbarkeit hängt von keiner Sprache ab, keiner Kultur, keiner Religion – sie hängt von nichts ab. Jeder Mensch kann das erkennen und es selbst ausprobieren. So einfach ist das.

Dankbarkeit macht auch schöpferisch. Das Stichwort ist hier wieder "Gelegenheit". Genau betrachtet sind wir ja nicht für dies oder jenes dankbar, sondern immer für die Gelegenheit, uns daran zu freuen. Und wenn wir erst einmal wach werden für die unzähligen Gelegenheiten, uns zu freuen, die wir zuvor freudlos als gegeben hinnahmen, dann vervielfältigt sich sofort unsere Lebensfreude. Es geschieht aber noch etwas Weiteres: Wir kommen in Übung und lernen, jede gegebene Gelegenheit beim Schopf zu packen - das macht uns schöpferisch. Jetzt sind wir nämlich imstande, auch mit Situationen umzugehen, in denen uns etwas begegnet, wofür wir nicht dankbar sein können. Wir fragen uns dann ganz spontan:“Wozu schenkt mir das jetzt Gelegenheit?“ Meist ist es Gelegenheit, Neues zu lernen. Menschen, die zu einer solchen Haltung fähig sind, erfahren nicht nur viel mehr Freude, sie sind auch im höchsten Grade schöpferisch.

Zuletzt sei noch darauf hinweisen, dass einige von uns dem Begriff Dankbarkeit mit Skepsis begegnen. Das mag mitunter daran liegen, dass fast jeder von uns Situationen kennt, in denen Dankbarkeit von uns erwartet wurde, obwohl wir uns nicht dankbar gefühlt haben. Diese mit dem Begriff Dankbarkeit in Verbindung stehenden unangenehmen Gefühle können uns bei der Beschäftigung mit der Dankbarkeit als spirituelle Praxis im Wege stehen. Dies zu sehen, kann hilfreich sein, um der Praxis der Dankbarkeit die schöpferische Chance zu geben, die sie verdient.

Quelle: Auszüge aus Texten von Br. David Steindl-Rast

Was ist "Dankbar leben"?

Zu dem schöpferischen Akt, die Gelegenheit zu erkennen und Neues zu lernen, laden wir Dich ein. Wir möchten Begegnungen ermöglichen, aus denen lebendige Beziehungen hervorgehen, die uns unserer Verbundenheit mit Allem bewusst werden lassen, die unser Zugehörigkeitsgefühl und unser JA zum Leben stärken und aus denen in einem kreativen, schöpferischen Prozess neue Formen dankbaren Lebens entstehen, die im Alltag geübt und dadurch verbreitet werden.

Wir wollen Interessierte zusammenführen, aber auch jeden Einzelnen anregen, seine ganz eigenen Ausdrucksformen der Dankbarkeit zu finden und "jetzt" lebendig zu leben.

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